Die wichtigste Frage, die du dir selbst stellen solltest

Vielleicht kennst du das Gefühl: Du trainierst schon seit einiger Zeit, übst gewissenhaft deine Techniken, versuchst sie zu verbessern, du baust Kraft auf, deine Reaktion und deine Bewegungen werden schneller. Und dennoch hast du das Gefühl, du trittst auf der Stelle, du kommst nicht so vorwärts, wie du gerne würdest.

 

Aber auch das Gegenteil sehe ich sehr häufig: Wenn die eben genannten Erfolge ausbleiben und keine Verbesserungen bemerkbar sind, verlieren sehr Viele schnell die Lust am Training und hören schließlich ganz auf.

 

Diese Probleme würden sich oftmals schon von Beginn an vermeiden lassen, oder sie ließen sich zumindest nach einiger Zeit schnell beheben, wenn sich mehr Karateka einmal eine entscheidende Frage stellen würden, und natürlich auch eine Antwort auf diese Frage finden:

 

 

Warum übe ich überhaupt Karate?

 

Die Frage klingt zwar sehr simpel und vielleicht auch etwas banal, aber nur Wenige haben sich diese Frage schon ernsthaft gestellt und einige Zeit darüber nachgedacht, um die wahre Antwort darauf zu finden. Selbst viele Danträger sind mit dieser Frage überfordert, wenn man sie damit konfrontiert. Ich halte die Antwort darauf aber für elementar wichtig, um für sich selbst weitere Erfolge und Fortschritte im Training zu erzielen und seine eigene Motivation aufrecht zu erhalten.

 

Sie ist aber genauso wichtig für den Trainer/Lehrer, um zu erkennen, ob der Unterricht nicht völlig an den Zielen des Großteils der Schüler vorbeigeht. Dies lässt sich meist daran erkennen, dass trotz engagierter Lehrer und einem qualifizierten Unterricht nur wenige und langsame Fortschritte sichtbar sind.

 

Warum übst du Karate? Warum kommst du regelmäßig ins Training, warum opferst du so viele Stunden deiner Zeit, die du auch mit anderen Dingen verbringen könntest?

 

Vielleicht denkst du, eigentlich ist die Frage doch unwichtig, Hauptsache du trainierst überhaupt regelmäßig.

 

Nein, für einen wirklichen Fortschritt ist das Kennen der Antwort für sich selbst unersetzbar. Ein Grund ist: Um einen Erfolg erkennen und messen zu können, musst du sowohl den Ausgangs- als auch den Zielpunkt kennen.

  

Und die Antwort auf das Warum definiert deinen Zielpunkt.

 

Ich möchte dir einige Beispiele nennen.

 

Nehmen wir an, du trainierst in einer Gruppe, in der sehr viel Wert auf theoretisches Wissen gelegt wird. Jedes Training beinhaltet immer auch theoretische Anteile, der Lehrer erklärt viele Hintergründe zu den Techniken und Kata, auf die Ausführung der Bewegungen wird viel Wert gelegt. Du bekommst auch immer mehr Wissen, ebenso werden deine Bewegungen präziser. Und dennoch herrscht eine gewisse Unzufriedenheit, deine Konzentration ist auf viele andere Dinge gelenkt, und eigentlich ist das Training sowieso langweilig mit dem vielen Erklären und Gerede.

 

Eigentlich möchtest du aber kämpfen, du willst dich auspowern und an deine Grenzen gehen, du willst deine Muskeln brennen spüren, und ein Training ohne Schwitzen ist vergeudete Zeit. Dein Warum ist in diesem Fall weniger, die Hintergründe der Kampfkunst zu entdecken, auch nicht so sehr der Aspekt der Selbstverteidigung, sondern vorrangig der sportliche Anteil.

 

 

Ein anderer Fall kommt ebenfalls oft vor. Nachdem ihr im Training zum 100sten mal Bahnen mit Oi-Tsuki gelaufen seid, immer mal wieder im Wechsel mit Age-Uke und Soto-Uke, immer wieder ein tieferer Stand angemahnt wurde und alle dermaßen angespornt wurden, dass der Schweiß in Strömen fließt, hat die Hälfte der Trainingsgruppe keinen Bock mehr und beschließt, in Zukunft  nicht mehr zu kommen, weil diese ständige Wiederholung nichts bringt und nur noch nervt.

 

Warum? So ein Training ist oftmals notwendig, und viele wirklich gute Karateka, die ich kenne, haben solch ein Training hinter sich.

 

Wenn dir aber früh klar gewesen wäre, dass du dich eigentlich nur möglichst schnell und effektiv verteidigen können möchtest, und die Perfektion einer Technik dich gar nicht interessiert, hättest du dir (und auch den Lehrern) viel Zeit ersparen können.

 

 

Wenn du dir rechtzeitig die Frage nach deinem Warum stellst, kannst du nun natürlich entweder den Lehrer um Anpassung des Trainings bitten, oder dir selbst eine Alternative suchen, anstatt viel Lebenszeit zu verschwenden, um für dich langweilige Stunden zu ertragen.

 

 

Du solltest dir immer bewusst sein: Karate besteht aus verschiedenen Schwerpunkten, die ich in diesem Artikel bereits erwähnt habe. Nur selten werden alle Aspekte in gleichem Umfang vermittelt, und wenn dein Warum und der Schwerpunkt des Trainings nicht zusammenpassen, haben weder die Lehrer noch du selbst viel Freude am Training.

 

 

 

Hier noch eine persönliche Anmerkung; da du diesen Artikel wahrscheinlich freiwillig und in deiner Freizeit liest, wird dich dies aber eher nicht betreffen:

 

Ich stelle diese Frage hin und wieder auch in unserem Jugendtraining. Wenn aber von Orange-, Grün- oder gar Blaugurten nach mehrtägiger Bedenkzeit nur ein Schulterzucken oder sogar die Antwort „wegen meinen Eltern“ kommt, dann ist der- oder diejenige im Karatetraining fehl am Platz.

 

Wenn auch du mit dem Training irgendwie unzufrieden bist und dir nach längerem Überlegen kein genau definierbarer Grund einfällt, warum du trainierst, solltest du vielleicht auch daran denken, dich nach einer anderen Sportart umzusehen.

 

Wie beschrieben, ist die Antwort auf diese Frage für deine eigene Motivation und auch deinen Einsatz im Training maßgeblich.

 

 

Aber auch ein Lehrer profitiert von dieser Frage: Wie erwähnt, stelle ich die Frage gerne einmal den Schülern.

 

Wenn nun ein Lehrer erkennt, dass sein eigener Grund, und damit meist auch der Schwerpunkt seiner Übungseinheiten, sich wesentlich von dem Warum des Großteils seiner Schüler und Teilnehmer unterscheidet, ist es nicht verwunderlich, wenn keine Fortschritte zu verzeichnen sind und auch die Motivation der Gruppe sowie die Teilnehmerzahl langsam, aber sicher sinkt.

 

Ein guter Lehrer kann mit dieser Erkenntnis entgegensteuern:

 

Entweder passt er das Training den Bedürfnissen der Gruppe an. Das heißt nicht, dass die Qualität leiden muss, aber es können künftig andere Schwerpunkte gesetzt werden, um dem Trainingsgrund der Mehrheit zu entsprechen. Kann der Lehrer dies nicht mit seinen Prinzipien vereinbaren, könnte er die Betreuung dieser Gruppe eventuell auch an einen besser geeigneten Lehrer oder Assistenten abgeben.

 

Oder aber dieses Ziel und Warum passt überhaupt nicht zum Profil des Lehrers oder der Schule. Dann sollte der Lehrer sich eine entsprechende Gruppe oder Klientel heranziehen. Dazu muss er aber bereits im Voraus den Interessenten klar und verständlich kommunizieren, wo die Schwerpunkte des Trainings liegen und mit welchen Inhalten und vielleicht auch Methoden die Schüler zu rechnen haben. Dies kann zwar zu Beginn zu einer geringen Teilnehmerzahl führen, wenn dies aber mit Konsequenz durchgeführt wird, und wenn vor allem auch das Training diesen Kriterien entspricht, wird sich im Regelfall ein entsprechendes Klientel finden.

 

 

Die Kenntnis des Grundes, warum du selbst oder deine Schüler überhaupt Karate üben, kann damit zu mehr Effizienz, mehr Fortschritten und Erfolg und damit auch mehr Zufriedenheit führen. Letztendlich erreichen wir damit das, was Karate für den Großteil von uns ist oder sein soll: eine anspruchsvolle, aber erfüllende Freizeitbeschäftigung, die wir möglichst lange ausführen wollen.

 

 

Solltest du weitere Punkte zum Grund des eigenen Trainings zu ergänzen haben, oder auch Fragen zum Thema allgemein haben, teil deine Gedanken gerne in den Kommentaren oder schreib mir eine Nachricht.

 

Viel Spaß beim Finden deines Warum!

 

Denis

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