Budo-Karate - Fakt oder Fiktion?

Budo-Karate – Fakt oder Fiktion?

 

 

 

Die Karate-Übenden sind mehr denn je in mehrere Lager gespalten, deren Auffassungen vom Sinn und Zweck des Trainings grundverschieden sind. Die folgenden Ausführungen sind stark vereinfacht und überspitzt dargestellt, um die unterschiedlichen Aspekte deutlich zu machen.

 

 

 

Sport-Karate

 

 

 

Im Groben gibt es zwei Richtungen: einmal die „Sportler“, die das Training hauptsächlich auf den körperlich-bewegungstechnischen Aspekt fokussieren. Geistige Hintergründe und mentale Eigenschaften stehen dabei etwas abseits, man konzentriert sich auf den Nutzen als körperliche Ertüchtigung und den sportlichen Wettkampf.

 

Auch hier sehen wir, dass selbst diese Richtung wiederum gespalten ist: wie genannt gibt es hier die Wettkampfverfechter, für die nur die sportlichen Erfolge zählen, dort die Breitensportler, die nur einen Ausgleichssport und Bewegung wollen.

 

 

 

Die Wettkämpfer passen ihr Training auf dieses Ziel hin an: es wird also nicht mehr das Trainingsergebnis in einem Wettkampf gemessen, wie es der ursprüngliche Zweck eines Wettkampfes war, sondern das Training spezifisch auf den Erfolg ausgerichtet. Dadurch, dass in einem Wettkampf bei weitem nicht alle Techniken und Verhaltensweisen erlaubt sind, werden all diese auch nicht trainiert, da nicht zielführend. Es geht damit ein großer Teil des Repertoires der Kampfkunst Karate verloren, obwohl dieses unter anderen Bedingungen sehr nützlich wäre. Dies betrifft im Übrigen nicht nur Karate, sondern alle Sportarten, die ursprünglich aus einer kriegerischen/ kämpferischen Übung stammen.

 

Wer trifft schon heute noch mit einem Speer über eine große Distanz ein Ziel?

 

 

 

Andererseits gibt es die Breitensportler, deren Augenmerk auf den Vorteilen eines Kampfsports für die körperliche Entwicklung liegt. Ihr Ziel ist hauptsächlich die Stärkung der Muskulatur, die Verbesserung der Ausdauer und Optimierung der Beweglichkeit. Die kämpferische Komponente ist zweitrangig und bei manchen sogar unerwünscht. Die genannten Vorteile existieren zwar bei entsprechendem Training tatsächlich und sind in keinem Training zu vernachlässigen, dennoch fehlt auch hier ein wichtiger Teil in der Entwicklung eines ernsthaften Karateka.

 

 

 

Budo-Karate

 

 

 

Zum zweiten gibt es die „Traditionalisten“, die den rein sportlichen Gedanken einschränken wollen oder gar ganz ablehnen. Das Training des Bewegungsapparates ist zwar auch hier wichtig, der Fokus liegt aber oft auf anderen Aspekten.

 

Auch hier gibt es im Groben wieder zwei unterschiedliche Richtungen:

 

Diejenigen, die sich auf das „Do“ konzentrieren, legen meist viel Wert auf die geistige Entwicklung. Meditation spielt eine wichtige Rolle, die Techniken und vor allem die Kata sind Übungen, um zu einem bestimmten Geisteszustand zu kommen. Oftmals gerät der körperliche Aspekt dabei etwas ins Hintertreffen, was sich dann in der Leistungsfähigkeit der Praktizierenden niederschlägt.

 

Die zweite Richtung konzentriert sich auf das „Bu“, die kämpferische Seite, bei der all die Fähigkeiten geschult werden, die es zum Bestehen eines Kampfes benötigt. Schnelligkeit, Vielseitigkeit, Auffassungsgabe, Reaktionsfähigkeit, aber auch Konzentration und geistige Ruhe sind dabei extrem wichtig. Diese Richtung kommt der ursprünglichen Intention einer jeden Kampfkunst am nächsten.

 

Leider sind sich nur noch sehr wenige Karate-Übenden, wenn man sich mit Ihnen unterhält, über diese verschiedenen Bestandteile des Karate im Klaren. Es dominiert meist einer der Schwerpunkte, die anderen werden ausgeblendet oder vernachlässigt. Um das Karate vollumfänglich zu meistern, sind jedoch alle Bestandteile sehr wichtig.

 

 

 

Um zu guten kämpferischen Fähigkeiten zu kommen, ist das körperliche Training essentiell. Ohne eine gut ausgebildete Körperkraft können die wenigsten Schlag- und Tritttechniken effektiv angewendet werden. Oftmals ist jedoch dieses Bewusstsein bei den Trainierenden nicht mehr vorhanden.

 

Wenn im Training grundlegende Kraftübungen wie Kniebeuge, Liegestütz oder Bauchübungen gefordert werden, wird allzu schnell aufgegeben, mit Hinweis auf Beschwerden, Verletzungen oder ähnlichem. Es wird sogar als Bestrafung angesehen, Kraftübungen wie Liegestütz über das persönliche Vermögen hinaus abverlangt zu bekommen. Wo soll dann die Steigerung der Fähigkeiten herkommen?

 

 

 

Ebenso ist für gute Reaktion und Schnelligkeit eine Automatisierung der Bewegungen und Techniken notwendig. Diese führt nur über vielfache Wiederholung einer Technik oder Bewegungsabfolge, und zwar konzentriert und mit der für die Bewegung maßgeblichen Geschwindigkeit.

 

Nur wenige sind jedoch bereit, solch viele Wiederholungen mit gleichbleibender Aufmerksamkeit durchzuführen. Dabei kann selbst eine solche Wiederholung abwechslungsreich durchgeführt werden. Durch die Mischung der Übung einer Technik in verschiedenen Kata, im Kihon und im Partnertraining kann diese in nur einer Trainingseinheit vielfach geübt werden, ohne als langweilige Wiederholung zu erscheinen.

 

 

 

Karate – Do oder Jutsu?

 

 

 

Ein weiterer Punkt, der selbst bei vielen vernachlässigt wird, die vermeintlich Budo-Karate üben, ist die geistige Übung. Diese umfasst selbst so viele einzelne Aspekte, dass dazu ein extra Artikel nötig wäre. Stellvertretend für die vielen verschiedenen Gesichtspunkte möchte ich drei nennen:

 

Geduld, Gelassenheit und Respekt.

 

 

 

Geduld wird gerade heutzutage immer seltener. Alles ist schnell erreichbar, kaum jemand ist bereit, auf ein Ergebnis welcher Art auch immer einmal etwas länger zu warten. Dies betrifft auch das Kampfsporttraining. Es benötigt Geduld, eine gelernte Technik zu verinnerlichen und zu automatisieren. Es benötigt Geduld, im Wettkampf die Schwachpunkte des Gegners zu analysieren und auszunutzen. Und es benötigt Geduld, als Lehrer auch weniger begabten Schülern einen bestimmten Inhalt, eine Bewegung oder Technik zu vermitteln. Ohne diese Geduld, die beim Lehren beginnt, kann ein Schüler diese nie lernen, dann bleibt alles bestenfalls oberflächlich.

 

 

 

Gelassenheit ist bei jeder Form von Lernen, eben insbesondere auch beim Karate wichtig. Es gibt so viele Dinge, die noch nicht bekannt sind, die für den Körper ungewohnt sind, sei es eine neue Technik, sei es ein schmerzhafter Treffer im Kampf, sei es die noch unzureichende Beweglichkeit. Für den Lehrer ist die Gelassenheit eng mit der Geduld verknüpft. Bei einer Konfrontation mit einer überfordernden Situation muss ich diese mit Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, ohne in Panik oder Zorn zu verfallen, aber mit dem festen Bestreben, den entsprechenden Schwachpunkt zu verbessern.

 

 

 

Respekt ist im „Do“ eine zentrale Angelegenheit. Ohne diesen Respekt wird jegliche Kampfkunst zu reinem technischen Können, zu „Jutsu“. Respekt begegnet uns idealerweise in der Kampfkunst in vielen Bereichen. Die Schüler respektieren die Lehrer für ihr Können und ihr Bemühen, ihnen die Kunst beizubringen. Lehrer respektieren die Schüler für ihr Bemühen, den Ansprüchen gerecht zu werden. Der Gegner wird aufgrund seines Könnens respektiert, nicht jedoch gefürchtet.

 

Das Fehlen dieses Respekts äußert sich in vielen Dingen.

 

Schüler reden während des Trainings, alle Anweisungen werden zuerst ausdiskutiert, jede Übung wird durch Diskussionen unnötig verlängert, oder die Anweisungen werden gleich ganz ignoriert.

 

Es wird gelästert, über andere Trainierende oder über ganze Stilrichtungen, in Wettkämpfen verkommt der Gruß an den Gegner zu flüchtigem Kopfnicken und vieles mehr.

 

 

 

 

 

Um wahres Karate-Do zu üben, sollten sich die Praktizierenden verschiedener Dinge bewusst sein:

 

 

 

Karate ist eine Verteidigungskunst, deren ursprünglicher Zweck ist, in einem Kampf nicht zu verlieren.

 

Der beste Weg hierzu ist aber, einen Kampf zu vermeiden, und hierzu ist die geistige Haltung entscheidend.

 

Es gibt also zwei wichtige Inhalte für den ernsthaft Trainierenden: hartes körperliches Training mit dem unbedingten Willen, einen Kampf zu überstehen und für sich zu entscheiden, sowie die Bereitschaft, seine geistige Haltung so fortzuentwickeln, dass aus dem eigenen Verhalten keine unnötigen Konflikte provoziert werden.

 

 

 

Solltest du weitere wichtige Punkte des ganzheitlichen Trainings zu ergänzen haben, teile deine Gedanken gerne in den Kommentaren.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank (Sonntag, 28 Mai 2017 23:18)

    Hey Denis,
    ein sehr geiler erster Artikel. Da haust du einige sehr sehr spannende und inspirierende Gedanken raus, auch wenn es, so glaube ich, nicht der Kern des Artikels sein sollte, unbedingt in seine eigene Psyche einzutauchen. Das Thema Respekt und Geduld ist eine der Grundvoraussetzungen, das hast du super herausgearbeitet. Und gerade der Punkt, dass der Trainer entsprechende Geduld beim Lehren der Übungen beweisen solle um eben diese Geduld - neben den Techniken - mit zu vermitteln ist genial!

    Ich habe selbst viele Jahre Karate betrieben und freue mich auf viele weitere Artikel, dieser hier ist eine super Eröffnung!

    Danke!

    Gruß Frank